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Leseprobe: Fallen Leaf

»Es ist immer wieder erstaunlich, wie du deine Dankbarkeit ausdrückst!« Er schrak zusammen und hätte um ein Haar die Pillendose fallen lassen. Schnell machte er einen Satz von der Schublade zurück und sah mit großen Augen zu Stu auf. Dieser stand lediglich in seiner schwarzen Shorts am Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte einen vertrauten Stich in sich, als er ihn so da stehen sah. Er trug seine Brille nicht und seine Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab. Wie immer, wenn sie den Abend in einer Bar verbrachten und Stu sich so oft mit der Hand durch die Haare gestrichen hatte. So sah der Stu aus, den er kannte. Auch wenn ihm ein wichtiges Detail fehlte, welches er im Augenblick nicht einmal benennen konnte.
»Ich dachte, du schläfst!« Es klang beinahe wie ein Vorwurf, aber Stu machte sich nichts daraus.
»Ich habe einen inneren Alarm. Sobald jemand anfängt meine Praxis zu plündern, werde ich wach.« Stu hob die Brauen und sah auffordernd zu ihm herüber. Er wartete auf eine verdammt gute Erklärung. Und die hatte Leaf nicht.
»Meine Jacke ist noch hier!« brachte er hervor und nickte zur Liege.
»Ja und wenn du schon mal hier bist, dachtest du dir, du kannst auch gleich mal nachsehen, was du sonst noch für den täglichen Gebrauch mitnehmen kannst.«
Leaf verdrehte die Augen. Das war es, was nicht passte. Stus neues Bewusstsein für Recht und Ordnung ging ihm tierisch auf die Nerven. Es war nicht nur eine Sache des Aussehens. Der alte Stu war weder in seiner Ausstrahlung noch in seinen Worten zu erkennen. Es war nichts falsch daran, sich an Gesetze zu halten und Diebstahl schlecht zu finden. Aber das hier war Stu und das sollte als Erklärung ausreichend sein!
»Ach, nun komm schon! Du weißt genau, was ich will.« Er kaute nervös auf seiner Unterlippe herum, während Stu ungläubig den Kopf schüttelte.
»Wenn du nimmst, was du in der Hand hältst, sind wir quitt. Ich will dir nicht den Spaß verderben, aber das Zeug wird dich wochenlang auf dem Klo beschäftigen. Denk darüber nach, bewahrt dich sicher vor ner Menge zusätzlichem Ärger.« Stu ging an ihm vorbei und Leaf legte die Dose hastig in die Schublade zurück. »Ist das meine Jacke?«
Er presste die Lippen zusammen und räusperte sich.
»Wäre möglich.«
Stu seufzte, öffnete die obersten Schränke und holte von dort ein kleines Glas mit Schmerztabletten hervor. Er warf Leaf einen düsteren Blick zu, als er es ihm hinhielt.
»Ich wäre nicht so enttäuscht, wenn du noch etwas von dem wissen würdest, was ich dir gesagt habe!« Leaf blinzelte fragend. »Wie durchwühlt man am schnellsten Schubladen?«
»Ahh, von unten nach oben«, gestand er und ihm ging auf, dass er es genau umgekehrt gemacht hatte. Er schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit.
Leaf wollte nach dem Glas greifen, aber Stu zog es rechtzeitig wieder weg und hob mahnend den Zeigefinger.
»Richtig und warum?«
»Weil man andersherum immer erst die Oberste zumachen muss, bevor man in die darunter schauen kann.« Stu grinste und reichte ihm das Glas.
»Ich gelobe Besserung!«, stieß er erleichtert aus, nahm die Tabletten an sich und steckte sie in die Tasche der Sweatjacke. »Also… mehr wollte ich nicht.«
»Schon klar.«
»Hm. Wo ist Jacee? Ich wollte mich bedanken, aber ich war gestern ziemlich müde.«
Stu winkte ab.
»Sein Dienst hat um zwei Uhr die Nacht angefangen. Ich werd’s ihm sagen, wenn es dir so wichtig ist.«
Leaf nickte langsam.
»Dann hat er hier übernachtet? Obwohl du immer sagst, dass niemand bei dir übernachten darf?« Er grinste, als Stus Miene sich merklich verdunkelte.
»Leaf, du verschwindest jetzt, bevor ich den Bullen, die hier Streife fahren, erzähle, dass du hier bist!«

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